Kommunikation bei Großprojekten

Bilder von flickr.com; von links nach rechts: Matthias Ripp | Energy; txmx 2; Kleinkirchheim |Skigebiet im März 2011

Proteste gegen die Stromtrasse Sued.Link, NOlympia Hamburg, eine Bürgerinitiative gegen ein Skigebiet im Oberallgäu – bereits 2013 wirft die „WirtschaftsWoche“ die Frage auf: „Kann Deutschland noch Großprojekte?“ Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat erkannt, dass diese Frage in Zusammenhang mit einer weiteren Frage steht. Bei der VDI-Veranstaltung „Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung bei Industrie- und Infrastrukturprojekten“ wurde darüber diskutiert, welchen strategischen Beitrag Kommunikation zum Gelingen eines Großprojekts leisten kann.

Über 100 Seiten zeugen von einem Umdenken unter deutschen Ingenieuren: Die VDI-Richtlinie 7000 will Lösungen anbieten, wie der systematische Ablauf eines Großprojekts durch eine stärkere Einbindung von Kommunikation optimiert werden kann. Das Ausgangsproblem hat Dr. Volker M. Brennecke, Koordinator für den Bereich Gesellschaft und Innovation beim VDI, klar benannt: Zum einen sinkt das Vertrauen in Entscheidungen von Politik und Wirtschaft, zum anderen wird das Durchsetzen individualisierter Interessen legitimer. Zugleich steigt das Teilhabebedürfnis der Bürger, die sich auf Blogs und Foren organisieren und digital versammeln. Großprojekte können somit nicht mehr einfach „durchgezogen“ werden.

Beteiligung lebt von dialogischer Kommunikation

Als Alternative schlägt die Richtlinie 7000 vor, bei Großprojekten zwischen der Vorbereitungs- und der rechtlich geregelten Verfahrensphase eine Dialogphase anzulegen. In dieser soll über die verschiedenen Umsetzungsvarianten eines Vorhabens diskutiert und entschieden werden. Dabei kommt Kommunikation zum Tragen, die einbinden und nicht nur informieren oder überzeugen will. „Dialog statt PR“, verspricht Brennecke.

Dem fügt Ralph Appel, Direktor des VDI, in seinem Vortrag hinzu: „Aus Sicht der Wirtschaft stellt sich die Frage nach der Ergebnisoffenheit in Bezug auf die Entscheidung nicht.“ Diese fällt in die Vorbereitungsphase – zur Diskussion stehen verschiedene Varianten zur Umsetzung des Großprojekts. Durch einen frühzeitigen Dialog mit zentralen Stakeholdern soll so eine spätere „Kostenexplosion“ verhindert werden. Die zunehmende Bedeutung von Kommunikation folgt somit auch wirtschaftlichen Interessen.

Ingenieure benötigen Kommunikationskompetenzen

Für Ingenieure geht das mit einer Ausweitung ihres Anforderungsprofils einher. Es genügt nicht mehr, die bestmögliche technische Lösung für ein Großprojekt zu entwickeln. Vielmehr wird von ihnen verlangt, den gesellschaftlichen und individuellen Nutzen ihrer Arbeit zu verdeutlichen. Der Ingenieur von heute muss auch kompetenter Kommunikator sein.

Kommunikation als Partner bei Großprojekten

Die Bedeutung von Kommunikation in Großprojekten steigt. Sie kann die Umsetzung in jeder der in der VDI-Richtlinie 7000 angelegten Phasen unterstützen:

  • In der Vorbereitungsphase kann die Projektkommunikation die Entscheidungsfindung durch Informationen aus Stakeholderbefragungen und Medienanalysen unterstützen und sich gegenüber den Projektverantwortlichen als Berater positionieren. Zugleich muss sie in dieser Phase eine Strategie für die kommunikative Unterstützung des Großprojekts entwickeln und die Beteiligung planen.
  • In der Dialogphase übernimmt die Projektkommunikation die Verantwortung. Sie bereitet die Beteiligung zentraler Stakeholder in enger Abstimmung mit der Projektleitung vor und setzt sie um. Im Vorfeld muss sie betonen, dass Umsetzungsvarianten und nicht das ganze Projektvorhaben diskutiert werden. Zudem muss die Projektkommunikation die Ingenieure auf ihren öffentlichen Auftritt vorbereiten.
  • Während der Antrags- und der Bauphase informiert die Kommunikation zum einen über den Projektverlauf. Zum anderen kann sie die Medienberichterstattung analysieren und der Projektsteuerung somit kontinuierlich Informationen zur Stimmungslage bereitstellen.

Kommunikation ist ein strategischer Erfolgsfaktor bei Großprojekten. Angesichts kritisch eingestellter Öffentlichkeiten und einer zunehmenden Komplexität der Vorhaben ist er heute wichtiger denn je. Deshalb hat der VDI die Richtlinie 7000 entwickelt. Nun liegt es an der Kommunikation, ihre Rolle in Großprojekten zu finden und zu gestalten.