Perspektivwechsel: Digitale Transformation aus der Sicht eines Forschungschefs

Anlagenentwicklung in 3D bei thyssenkrupp | Bild: © thyssenkrupp AG

Vernetzte Maschinen, Roboter-Mensch-Interaktion, digitale Wertschöpfungskette – wenn Dr. Reinhold Achatz, Head of Technology, Innovation and Sustainability bei thyssenkrupp über die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für Industrieunternehmen spricht, wird einem als Kommunikator schnell bewusst: Hier geht es erst auf den zweiten Blick um Kommunikation. Mit dieser Einsicht aus seiner Schmalenbach-Lecture im Gepäck, stellt sich die Frage: Welche Schnittstellen zur Unternehmenskommunikation lassen sich finden, wenn man die Digitale Transformation aus der Sicht eines Forschungschefs betrachtet?

Achatz beschreibt in seinem Vortrag drei große Herausforderungen, vor denen diversifizierte Industrieunternehmen im Zuge der Digitalen Transformation derzeit stehen: Die Digitalisierung der Bestell- und Lieferkette, die Umstellung auf eine vernetzte Produktion (Stichwort „Industrie 4.0“) sowie den Einsatz von Predictive Analytics auf der Grundlage von Big Data. Beim Stahlkonzern aus Essen nimmt das Innovationsmanagement eine wichtige Rolle ein, um diesen Herausforderungen zu begegnen – mit Erfolg: Im Ranking der „50 Smartest Companies 2015“ des MIT Technology Review belegte thyssenkrupp Platz 35. Damit steht der Konzern in einer Reihe mit Namen wie Tesla, Google oder SpaceX.

Ausschlaggebend für die Auswahl als „Smart Company“: Der digital betriebene „Multi“ ist der erste seillose Aufzug der Welt, der dank Magnetschwebetechnologie auch seitwärts fahren kann. Mit solchen Innovationen wird der Konzern zum Treiber für andere Branchen: Nun ist es an den Architekten, Gebäude mit entsprechenden Aufzugschächten zu planen. | Bild: Screenshot von technologyreview.com

Hoher Innovationsdruck bei Technologien und Prozessen

Angetrieben werden Achatz und seine Kollegen von der Notwendigkeit, die branchenspezifischen Chancen der Digitalisierung als Erste zu erkennen und zu nutzen. Uber und Airbnb haben auch sie nachdenklich gemacht: „Die größte Gefahr sehe ich in neuen Wettbewerbern aus anderen Bereichen, die von außen in den Markt dringen und einen Paradigmenwechsel einläuten“, sagt Achatz. „Das Risiko, dass jemand anderes die zündende Idee hat und nicht wir, ist allgegenwärtig.“

Im Zentrum steht dabei das Ausprobieren. So sind schon viele Technologien entstanden, die aktuell verwendet werden. Beispielsweise setzt thyssenkrupp immer mehr auf Maschinen, die zunächst nur virtuell mit einer 3D-Visualisierung in Betrieb genommen werden. So können Fehler erkannt und behoben werden, bevor die Anlage aufgebaut wird. Die Kostenreduktion ist immens.

Schnittstellen zur Unternehmenskommunikation

Ein solcher Wandel vollzieht sich aber nicht von selbst und kann auch nicht von oben diktiert werden. Eine der größten Schwierigkeiten ist die Suche nach Mitarbeitern mit digitaler Kompetenz. Auf die Frage, wie er solche Mitarbeiter finde, antwortet Achatz ehrlich: „Gar nicht.“ Es gebe schlicht zu wenig Nachwuchs mit entsprechender Ausbildung. Das stellt ihn vor die dringliche Frage, wie der Stahlriese seine Mitarbeiter in die digitale Ära mitnehmen kann. Seine Antwort: „Weiterbildung – doch das geht nicht über Nacht.“ Auch in der Zusammenarbeit mit Lieferanten und Partnern sieht er ähnliche Herausforderungen: „Alle Partner müssen synchron in diese neue Welt gehen, damit wir die Vorteile und Möglichkeiten nutzen können“.

Hier kann die Unternehmenskommunikation eine entscheidende Rolle einnehmen: Sie ist in der Lage, Bereitschaft zum Wandel unter den Mitarbeitern herzustellen, Interesse bei potenziellen Mitarbeitern zu wecken und Partner einzubinden. Notwendig sind dafür nachvollziehbare Use Cases, digitale Kommunikationsmedien, intensive Dialogformate und ein weitreichendes Kommunikationscoaching für Führungskräfte und Ansprechpartner der Kunden und Lieferanten. Beim Zukunftsforum 2016 unterstrich Alexander Wilke, Leiter Unternehmenskommunikation von thyssenkrupp, dass die interne Kommunikation den Dialog zwischen Führungskräften und Mitarbeitern forciert. Letztlich muss die Kommunikationsabteilung aber mit dem gleichen Ansatz an die digitale Transformation herangehen, den auch Achatz für seine Arbeit formuliert: „Man muss seine Umwelt mit offenen Augen beobachten, wenn man die Chancen erkennen will, die sich bieten.“