WTFBerlin17: Ahnungslos in die Digitalisierung

Impressionen des WTFBerlin17 | Bild: Melanie Jakubowitz

Virtual Reality, Künstliche Intelligenz, Big Data – in der Kommunikationsbranche wimmelt es nur so von Neuerungen und tiefgreifenden Veränderungen. Gerade junge Berufseinsteiger werden mit einem Hype nach dem anderen konfrontiert. Gleichzeitig müssen sie sich nicht selten mit veränderungsresistenten Unternehmen arrangieren. Immer wieder kommt es daher zu Momenten, in denen sie sich fragen: „What the f***?“. Genau um diese Momente sollte es beim ersten „We Transform Communications Festival“ (kurz: „WTF“) gehen – einer Veranstaltung speziell für Kommunikatoren unter 35 Jahren. In lockerer Atmosphäre und interaktiven Formaten drehte sich an zwei Tagen alles um die Frage: Wie können junge Kommunikatoren mit dieser immer unbeständigeren Welt umgehen? Keynote-Speaker Dirk von Gehlen, Leiter Social Media und Innovation bei der Süddeutschen Zeitung, hatte eine Antwort parat: „Fangt noch heute an, keine Ahnung zu haben!“

Laut von Gehlen geht der Mensch in verschiedenen Lebensabschnitten unterschiedlich mit Neuerungen um: Alles, was von Geburt an da ist, wird als Normalzustand wahrgenommen. Neuerungen, die bis zum 30. Geburtstag aufkommen, werden als Chance erkannt und wecken die Neugier. Alles, was nach dem 30. Geburtstag erfunden wird, gilt als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge. Mit diesen Veränderungen will sich der Mensch nicht länger auseinandersetzen. Daher wird er sich ihnen entweder total verweigern oder eine vorschnelle Antwort parat haben, um das Thema abzuhaken. Beides ist jedoch riskant: Verweigerung führt zwangsläufig in eine Sackgasse. Schließlich verschwinden neue Technologien nicht einfach, nur weil man die Augen vor ihnen verschließt. Die vorschnelle Lösung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht die beste.

Dirk von Gehlen auf dem WTFBerlin17 | Bild: www.communications.wtf

Fortschritt durch Kulturpragmatismus

Egal ob Ablehnung oder vorschnelles Handeln – beides verhindert Entwicklung. Lernen erfordert laut von Gehlen nämlich drei Dinge: 1) Die Bereitschaft, Dinge erst zu verstehen und dann zu bewerten, 2) die Bereitschaft, sich verstören zu lassen und 3) die Bereitschaft, Fehler zuzulassen und strategisch zu scheitern. Wie Karl Popper, Wissenschaftstheoretiker und Begründer des Falsifikationsprinzips, betonte: „Der Gang der Wissenschaft besteht im Probieren, Irrtum und Weiterprobieren“. Nur durch diese Methode des Trial & Error könne man sich Stück für Stück der Wahrheit annähern. All diese Aspekte fasst von Gehlen als kulturpragmatische Haltung zusammen: Durch eine ergebnisoffene Herangehensweise, spielerisches Ausprobieren und die Bereitschaft zu scheitern kann man sich auf neue Veränderungen einlassen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das ist die Basis für Fortschritt.

Einfach mal mit den Schultern zucken

Was bedeutet das nun für junge Kommunikatoren? Dirk von Gehlen sagt, sie brauchen eine „Überforderungsbewältigungskompetenz“. Oder greifbarer: Sie müssen sich ein Beispiel am „Shruggie“ ¯\_(ツ)_/¯ nehmen. Dieses von ihm entwickelte schulterzuckende Emoticon drückt eine Haltung der Ahnungslosigkeit aus. „Keine Ahnung zu haben, ist kein Problem, sondern die Voraussetzung für Entwicklung“, betont Dirk von Gehlen. Wer das verinnerlicht, ist bereit Neues zu entdecken. Dabei betrachtet das „Shruggie“ die Zukunft wie ein Historiker die Vergangenheit. Es zeigt ein ehrliches Interesse an Neuerungen und hat Empathie für das Verhalten anderer. Diese Haltung sollten sich Kommunikatoren abschauen: Sie müssen bewusst versuchen, die Perspektive von beispielsweise Snapchat-Nutzern einzunehmen, um zu verstehen, wie dieses Medium funktioniert.

Chance für Young Professionals

Gerade junge Kommunikatoren haben hier einen entscheidenden Vorteil: Sie sind noch nicht allzu weit über den von von Gehlen genannten Wendepunkt des 30. Geburtstages hinaus. Entsprechend einfacher ist es für sie, Neuerungen nicht als Angriff, sondern als Chance wahrzunehmen. Damit können Berufseinsteiger einen enorm wichtigen Beitrag für die Unternehmenskommunikation leisten: Sie können die „Shruggie“-Haltung in die Kommunikationsabteilungen tragen und dort an die erfahreneren Kollegen weitergeben. So schaffen sie die Basis für Fortschritt und damit für die digitale Transformation der Unternehmenskommunikation. Ganz nach dem Motto: „We Transform Communications“.